Alte Systeme haben ausgedient

Gastbeitrag; vollständiger Artikel ist erschienen auf: www.bio-eiweisspulver.at

Natürlich ist der Preis oft ein wichtiges Argument beim Einkaufen. Leider in noch zu vielen Fällen das einzige Argument.
Die einfache Wirtschaftslogik besagt, dass ein Produkt dann günstiger wird, wenn es mehrere Anbieter am Markt gibt und diese aufgrund des Wettbewerbs Innovationen entstehen lassen, wodurch das Produkt letztlich billiger wird. Das ist simple Theorie – in der Praxis funktioniert das allerdings anders.

Wer kann wirklich günstig produzieren? Bleiben wir als Beispiel bei den Lebensmitteln, denn diese betreffen uns alle täglich. Damit das Beispiel nicht zu kompliziert wird, fangen wir bei der untersten Ebene der Lebensmittelproduktion an: Bei den Landwirten. 1) Einfache Wirtschaftstheorie
Zwei Landwirte (Alois und Burgi) bauen jeweils 4 Pflanzen an: Mais, Kürbis, Klee und Kohl.
In den ersten drei Jahren haben die beiden Ackerbauern den gleichen Ertrag pro Hektar (und die gleichen Ausgaben pro Hektar) und verkaufen ihre Produkte daher zum selben Preis am Markt. Burgi „erfindet“ plötzlich die Fruchtfolge und baut die 4 Pflanzen nun jedes Jahr auf einem anderen Standort an. Sie lässt die Pflanzen örtlich rotieren. Durch diese Innovation gelingt es ihr den Ertrag zu erhöhen. Nun kann Burgi ihre Lebensmittel günstiger verkaufen als Alois. Für Burgi bleibt aufgrund des höheren Ertrags mehr Gewinn übrig, als bei Alois.
2) Die Realität
Alois und Burgi haben bisher die gleichen 4 Pflanzen angebaut. Nun kommt Alois auf die Idee, dass er seine Kosten reduzieren kann, wenn er nur noch eine Pflanze anbaut (er braucht dafür nicht mehr 4 verschiedene Ernte- und Anbaugeräte, sondern nur noch jeweils ein Gerät). Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass die Pflanzenkrankheiten zunehmen. Er macht sich schlau und entdeckt „Pflanzenschutzmittel“ (geniales Wort!). Diese setzt er fortan gegen verschiedene Krankheiten, Schädlinge und Pilze ein.
Kurze Zeit später wird der Ertrag immer geringer. Um dem vorzubeugen entscheidet er sich seine Felder zu düngen. Da er selber keinen Dünger herstellen kann, muss er Dünger zukaufen. Dafür fehlt ihm aber das nötige Geld, denn dieses benötigt er mittlerweile für seine Spritzmittel. Also geht Alois zur Bank und nimmt einen Kredit auf. Nun kann er weitere Flächen pachten und auch auf diesen Äckern Mais pflanzen, diese mit Fungi-, Herbi-, und Pestizide besprühen, sowie den Boden mit wasserlöslichen Mineralstoffdünger anreichern. Das Geschäft floriert.
Seine Gesamtausgaben haben nun einen neuen Horizont erreicht, aber zur Freude von Alois auch seine Einnahmen.

Wenige Jahre später bemerkt er, dass der Gewinn, der für ihn übrig bleibt, stetig weniger wird. Der Grund dafür sind die Kreditzinsen, die er bedienen muss. Nach mehreren Jahren des Sparens sieht sich Alois gezwungen seinen Betrieb zu vergrößern. Er hat sich ausgerechnet, dass er mindestens um das 5-fache wachsen muss, damit sich das Geschäft rentiert. Alois bekommt einen weiteren Kredit und investiert in weitere Ackerflächen und in größere Geräte und Vollerntesysteme.
10 Jahre später steht er vor der gleichen Situation. Doch Alois ist mitterlweile über 60 Jahre alt und seine Kinder wollen dieses System nicht weiter fortführen. Ihm bleibt keine Option mehr übrig, außer der den gesamten Betrieb mit allen Maschinen und Ländereien zu verkaufen. Alois erkennt nun, dass er dieses Spiel nicht hätte gewinnen können. Wachsen oder weichen!

CSA Gemüse

Wenn man sogar das Feld kennt, wo das Gemüse gewachsen ist, schmeckt’s noch besser!

Burgi hatte damals einen anderen Weg eingeschlagen. Sie entwickelte ihre erfundene Fruchtfolge weiter und experimentierte mit Möglichkeiten Kompost selbst herzustellen. Dadurch konnte sie den Ertrag ziemlich stabil halten. Sie kam jedoch in die missliche Lage, dass sie ihre Produkte nicht mehr so leicht verkaufen konnte, weil viele andere Bauern den Markt mit Billigprodukten überschwemmten. Sie wusste aber auch, dass, wenn sie den Preis ihrer Produkte reduzieren würde, dass das zum wirtschaftlichen Ende ihres Betriebs führen würde. Als Erstmaßnahme wurde sie sparsamer und sie versuchte ihre Kosten dadurch zu reduzieren, indem sie ihren Selbstversorgungsgrad erhöhte.
Über die nächsten Jahre entwickelte sich Burgis Betrieb zu einem Vielfaltshof mit 30 Gemüsesorten, Getreide, Gründüngungspflanzen, Kräutern, Obstbäumen, Beerensträucher, Hühnern, Ziegen, Enten und zwei Pferden. Der Arbeitsaufwand war enorm. Doch sie scheute davor zurück in moderne Maschinen zu investieren, denn diese brauchen Wartung und Pflege und erhöhen wieder ihre Ausgaben, die sie die letzten Jahre so stark reduzieren konnte. Burgi versucht alles, was langfristig an Wert verliert, zu vermeiden und setzt auf Systeme, die langfristig wertstabil sind. Nur so – so glaubt sie – kann sie unabhängig und frei bleiben.

Eines Tages kamen junge Menschen auf ihren Hof, die biologische Landwirtschaft auf der Uni studieren und waren von der Artenvielfalt und den tiefgründigen, belebten schwarzen Böden begeistert. Die Student*Innen erklärten Burgi das Konzept der gemeinschaftsgetragenen Landwirtschaft (CSA, community supported agriculture). Viele Menschen teilen sich die Kosten des Betriebs und bekommen dafür anteilig die Ernte. Für Burgi kam diese Idee genau richtig, denn nun konnte sie für zwei interessierte Menschen einen Arbeitsplatz schaffen ohne dafür einen Bankkredit aufnehmen zu müssen. Dadurch, dass der gesamte Hof nun von einer Gemeinschaft getragen wird, kann Burgi auf die Wünsche ihrer Kund*Innen zielgenau eingehen.
Nach nicht einmal drei Jahren ist der gesamte Betrieb auf „CSA“ umgestellt und alle produzierten Lebensmittel gelangen zu den Menschen, die den Hof Jahr für Jahr vorfinanzieren. Mehr Menschen kann und will sie nun auch nicht mehr beliefern, denn sie hat nun ihre optimale Größe gefunden.

 

Aktiv werden

Das ist eine schöne Geschichte, nicht wahr?

Du hast nun folgende Möglichkeiten:

  1. du glaubst nicht mehr an Märchen und machst weiter wie bisher
  2. du bist der Meinung, dass alte Systeme tatsächlich nicht mehr funktionieren können und dass die Zeit reif ist für neue Ideen und für neue Konzepte.

Wenn Punkt 1 auf dich zutrifft, dann bedanke ich mich, dass du diesen Artikel bis hierher durchgelesen hast! 🙂
Gerne kannst du mir erklären, warum du glaubst, dass das oben geschriebene tatsächlich ein Märchen ist – Kommentare können unten verfasst werden.

Wenn allerdings Punkt 2 auf dich zutrifft, dann frage ich mich, was dich davon abhält konkret ins TUN zu kommen?
Es gibt so viele, unendlich viele Möglichkeiten etwas zu Tun. Viele glauben jedoch, dass ein „Gefällt mir“ schon genug ist. Doch die Welt ändert sich kein bisschen durch einen Mausklick! Und bitte komm jetzt nicht mit dem Zeit-Argument. Was muss denn alles noch schief laufen, damit du endlich ins Handeln kommst? Damit du dann endlich Zeit findest … für dich, für deine Nachbarn, für deine Freunde, für deine Familie, für deine Kinder, für uns und für unsere Zukunft?

Hier eine unvollständige Liste von Empfehlungen, was du nun machen könntest:

 

Herzlichst,

Emanuel Ziegler

3 Kommentare

  1. Servus Emanuel,
    genialer Artikel!
    Gäbe es ihn auch als pdf ? Ich hab versucht, ihn zu speichern, aber die Formatierung ändert sich und es wird nix gscheites draus. Er wäre sehr gut brauchbar für diverse Werbemaßnahmen rund um die potentielle CSA
    Lieber Gruß,
    Alexandra

  2. Emanuel Ziegler

    Liebe Alexandra,
    wir haben uns heute scheinbar mehrmals telefonisch verpasst… Tut mir leid!
    Ich schicke dir den Artikel im PDF-Format zu.
    LG Emanuel

  3. Wilhelm Galsterer

    Kann ich diesen Artikel auch als PDF haben? Liebe Grüße Willi