Ich habe keine Ahnung von Ernährungssouveränität

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Mein Name ist Emanuel Ziegler. Ich bin Obmann des Vereins Lebensmittelpunkt Fernitz-Mellach. Im Jahr 2013 habe ich eine Bio-Einkaufsgemeinschaft in meiner Heimatgemeinde ins Leben gerufen und 2014 einen Verein für Ernährungssouveränität gegründet. Folglich setze ich mich nun seit etwa 2,5 Jahren öffentlich für die biologische Landwirtschaft ein.

Doch ich muss gestehen, ich bin mir nicht sicher in dem was ich tue und in dem was ich sage. Rückblickend stelle ich immer wieder fest, dass ich beispielsweise vergangene Kaufentscheidungen heute anders treffen würde. Ich bin stets bemüht mein Handeln und mein Tun zu hinterfragen, tiefer und weiter zu denken, zu reflektieren.

Am Anfang meiner Reise stand die Bewusstwerdung. Wie von einem Geistesblitz getroffen konsumierte ich Lebensmittel nicht mehr unbewusst im Supermarkt (stets das Billigste), sondern ich entschied mich bewusst dazu Bio-Lebensmitteln in den Einkaufswagen zu legen. Die ursprüngliche Motivation hierzu war der Glaube daran, meiner Gesundheit etwas Gutes zu tun. Je öfter ich Bio-Lebensmittel einkaufte, desto bewusster wurden mir auch weitere Aspekte der biologischen Landwirtschaft. Irgendwann war ich dann so weit, dass ich die Lebensmittelproduzent*Innen persönlich kennen lernen wollte und mich fast ausschließlich regional ernährte. Der Zusatz „saisonal“ ergab sich aus diesem Grund von selbst.

Diese Entscheidungen fühlten sich gut an und ich verspürte den Wunsch auch alle weiteren notwendigen Alltagsartikel regional zu beziehen. Ich fand einen regionalen Hersteller von Hygiene- und Putzmitteln. Im Mühlviertel fand ich einen Hersteller von Bio-Jeans. Meine Schuhe kaufte ich fortan nur noch bei Vega Nova oder GEA. Ich schaffte es tatsächlich keinen Fuß mehr in Supermärkte zu setzen.

Zeichnung von Much Unterleitner, aus "Die Zeit ist reif für Ernährungssouveränität!"

Zeichnung von MUCH Unterleitner, aus der Broschüre Die Zeit ist reif für Ernährungssouveränität!

Als bei uns zu Hause das Salz leer wurde, tauchte die Frage auf, wo es besser wäre eine neue Packung zu kaufen? Auf keinen Fall im Supermarkt – so viel war klar. Eher in der nächstgelegenen dm-Filiale oder im Bio-Laden, der aber um einiges weiter entfernt ist? Ich entschied mich für den Bio-Laden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich beim Anblick der Bananen plötzlich große Lust auf diese exotischen Früchte bekam. Ich überdachte meine streng regionale Ernährungsweise und kam zum Schluss, dass eine 80-20-Regel langfristig vielleicht sinnvoller, weil leichter umsetzbar, ist. Doch mir fiel auch ein, dass die Bananen beim Spar nicht nur biologisch sind (wie in diesem Bioladen), sondern gleichzeitig auch FairTrade. Außerdem kommt es immer wieder vor, dass die Bio-FairTrade-Bananen bei unserem Supermarkt im Ort um 50% reduziert verkauft werden, weil sie braun werden und viele Kund*Innen sie dann scheinbar nicht mehr haben wollen.

Das führte dazu, dass ich nun doch wieder in den Supermarkt einkaufen ging. Doch ich entschloss mich dazu überwiegend 50%-reduzierte Waren (weil eben kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums) zu kaufen und mir hin und wieder mal eine Ausnahme zu gönnen – natürlich in Bio-Qualität.

Den Großteil der Lebensmittel kaufte ich nach wie vor direkt bei Bio-Bauern. Entweder Ab-Hof oder auf Bauernmärkten. Viele Bio-Bauern konnte ich mittlerweile persönlich kennen lernen und erhielt auch Führungen auf ihren Höfen.

Eine Untersuchung vom VCÖ, die besagt, dass die meisten CO2-Emissionen der Kunde selbst beim Einkaufsweg zurücklegt, brachte dann ein Umdenken. Mir wurde klar, dass ich für viele CO2-Emissionen verantwortlich bin, wenn ich jede Woche zu den Bauern und Bauernmärkten fahre. Kilometer einzusparen war auch ein Mitgrund, warum ich die Bio-Einkaufsgemeinschaft initiierte. Doch nach dieser Studie dachte ich mir, dass es vielleicht sinnvoller wäre, wenn viele Menschen ihre Lebensmittel über sogenannte „Bio-Kistln“ beziehen.

Aufgrund einer persönlichen Empfehlung kam ich dann zu einem Bio-Kistl-Lieferanten und war anfangs wirklich sehr zufrieden mit den Produkten und der Abwicklung. Aber bereits nach kurzer Zeit fragte ich mich, warum der Bio-Käse, den ich bestellte, aus Holland sein muss? Ich verlange ab sofort ausdrücklich heimischen Bio-Käse und erhielt dann den gleichen Käse, der auch im Supermarkt im Ort erhältlich ist.

Ein Gespräch mit einem bekannten Bio-Laden-Betreiber ließ mich dann aufhorchen. Scheinbar hat es bei diesem Bio-Kistl-Lieferanten in der Vergangenheit massive Betrugsfälle gegeben und konventionelle Waren wurden als Bio-Waren deklariert. Das geht gar nicht! Natürlich kann es sein, dass der Lieferant nun ein ehrbarer Kaufmann geworden ist, aber ich weiß es nicht. Ich möchte Menschen unterstützen, die wirklich zutiefst überzeugt sind von ihrem Tun und sich ernsthaft für die Umwelt, für den Boden und für das Klima einsetzen.

Direkt zu den Landwirt*Innen zu fahren fühlt sich am besten an und schafft Vertrauen. Aufgrund der vielen Kilometer und der CO2-Thematik suchte ich aber nach einer anderen Lösung. Ich teste kurze Zeit den Online-Versand von Billa und Unimarkt. Da viele Bio-Produkte online jedoch nicht verfügbar sind, entschied ich mich schließlich doch dafür wieder zum Supermarkt im Ort einkaufen zu gehen. Idealerweise zu Fuß oder eben in Verbindung mit einer Autofahrt, die „ohnehin“ anfällt (z.B. Arbeitsweg).

Nun kaufe ich wieder im Supermarkt ein und stelle fest, dass sich das Bio-Sortiment unglaublich erweitert hat. Hofer bzw. die Bio-Marke „Zurück zum Ursprung“ sind zumindest teilweise auf die Kritik von Clemens Arvay eingegangen und die Herkunft der Rohstoffe ist nun genauer deklariert, als vor zwei Jahren. Ich stelle fest, dass mir die Bio-Produkte von Billa und von Hofer sympathischer erscheinen, als die Bio-Produkte von Spar. Bio-Schinken von Freilandschweinen aus dem Waldviertel mit 100% österreichischem Bio-Futter klingt besser als Bio-Schinken allein. Dennoch kaufe ich nun meistens beim örtlichen Spar ein, weil der Weg viel kürzer ist.

Letztens habe ich beim Zielpunkt entdeckt, dass dort Käse aus Bio-Wiesenmilch erhältlich ist. Bio-Wiesenmilch ist quasi noch eine Stufe „besser“ als Heumilch. Bezüglich Milchprodukte habe ich übrigens herausgefunden, dass die beste österreichische Milch höchstwahrscheinlich aus dem Zillertal kommt. Im Zillertal ist die Heumilch-Haltung der Normalfall. Nur dort gibt es reine Heumilch-Sennereien und Käsereien. Österreichweit macht die Heumilch ja gerade mal 15% aus. Das heißt, dass der Großteil der (Bio-) Milchkühe mit Getreide und anderen nicht artgerechten Futtermitteln versorgt werden.

Auch bei Hofer habe ich vor kurzem etwas gefunden, das ich zuvor nicht direkt bei Bauernmärkten fand: Bio-Senf mit Senfsaat aus dem Waldviertel, hergestellt in Eggersdorf, in der Steiermark.

Nun erscheint es für mich klar zu sein: Die beste Milch kommt von den Bergen, das beste Getreide aus dem Mühlviertel, das beste Schweinefleisch aus Freilandhaltung, die besten heimischen Tomaten (ohne Folientunnel) aus dem Burgenland und das beste Gemüse aus dem eigenen Garten.

Dennoch kaufe ich derzeit die meisten Bio-Produkte aus CO2-Gründen beim heimischen Supermarkt.

Aber was hat das nun alles mit Ernährungssouveränität zu tun?

Ich weiß es nicht. Die Definition von diesem sperrigen Begriff lautet: „Ernährungssouveränität ist das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt. […] Sie ist das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen. Ernährungssouveränität stellt die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht die Interessen der Märkte und der transnationalen Konzerne.“

Wenn ich in Supermärkten ausgewählte Bio-Produkte kaufe, dann stelle ich aber nicht die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, in den Mittelpunkt sondern eben die großen Handelsketten. Und diese bestimmen, was im Regal landet und welchen Preis die Bäuerinnen und Bauern bekommen. Die Abhängigkeit wird dadurch größer und nicht kleiner. Ernährungssouveränität sieht anders aus!

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Zeichnung von MUCH Unterleitner, aus der Broschüre Die Zeit ist reif für Ernährungssouveränität!

Vielleicht bedeutet Ernährungssouveränität aber auch, dass wir mit all diesen Möglichkeiten der Lebensmittelversorgung und -beschaffung, die es heute gibt, spielerisch experimentieren und bestehende zentralisierte Systeme, wo es zu Machtkonzentrationen kommt, hinterfragen. In der Broschüre „Die Zeit ist reif für Ernährungssouveränität!“ steht geschrieben: „Ernährungssouveränität ist kein fertiges Modell für die Welt. Es ist nicht die Sache einer ‚Regierung‘, die eine Definition vorlegt, wie all das ablaufen soll. Zentral ist vielmehr die Tatsache, dass wir uns darin einbringen und uns daran beteiligen.“

 

Meine Fragen an Euch:

  • Wo kaufst du ein und aus welchem Grund?
  • Worauf achtest du beim Einkauf?

 

Auf Antworten und Kommentare freue ich mich,

Emanuel Ziegler

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Zeichnung von MUCH Unterleitner, aus der Broschüre Die Zeit ist reif für Ernährungssouveränität!

PS: Es ist klar, dass der Lebensmitteleinzelhandel per se nicht schlecht ist. Schlecht ist er dann, wenn es keine Form der demokratischen Mitbestimmung gibt, wenn die Gewinnoptimierung zu sehr im Mittelpunkt steht und nur ein ausgewählter Kreis darüber entscheidet, welche Lebensmittel hier bei uns produziert werden, zu welchen Preisen und zu welchen Bedingungen.

Vielleicht braucht es im Bereich der Lebensmittelversorgung so etwas Ähnliches wie die Bank für Gemeinwohl, die gerade gegründet wird. Einen demokratischen Supermarkt, der den Produzent*Innen und Konsument*Innen gehört und wo echte Win-Win-Situationen entstehen können. Aus den Fehlern der Vergangenheit (Konsumgenossenschaft Österreich) darf gerne gelernt werden.

PPS: Im Gegensatz zur Bank, die beim heutigen Online-Geschäft mit einer Filiale auskommt, braucht es bei Lebensmitteln jedoch ein flächendeckendes Netz von Begegnungszonen. Es wäre sinnvoll, wenn die Vernetzung der vielen Initiativen weiter voranschreitet, nicht jede*r Akteur*In eine eigene Suppe kocht und als gemeinsame Basis beispielsweise eine Trägerorganisation in’s Leben ruft, die genossenschaftlich organisiert ist. Unter dem Dach dieser Genossenschaft könnten im ganzen Land Bio-Läden und „Supermärkte“ entstehen, die mit biologisch-regionaler Ware ausgestattet sind, und wo glasklar ist, dass es zu keinen Ungleichgewichten bei Mitbestimmung, Preisbestimmung und Kapitalverteilung kommt. Konsument*Innen und Produzent*Innen sind Miteigentümer aller Betriebe in der Dachträger-Genossenschaft.

Ich habe bei uns in Fernitz immer wieder von verschiedenen Menschen gehört, die einen Bio-Laden eröffnen wollen. Ich glaube, dass es nicht sinnvoll ist einen Laden nach dem „alten Modell“ zu eröffnen. Denn erstens bieten die Supermärkte immer mehr wirklich gute, regionale Produkte an (siehe oben) und zweitens ist es ein Katz-und-Maus-Spiel, wo man immer auf dem kürzeren Ast sitzt. Spätestens dann, wenn sich „denn’s Biosupermarkt“ weiter ausbreitet und die Standard-Produkte dort günstiger angeboten werden, laufen die Kund*Innen davon. Bio alleine reicht als Alleinstellungsmerkmal nicht (mehr) aus. Ein Betrieb, der solidarisch und demokratisch betrieben wird und der im Eigentum der Landwirt*Innen und Konsument*Innen steht, hat heute wieder gute Zukunftschancen. Wie seht ihr das?

 

 

 

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